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Exkursion nach Berlin: Reflexion & Perspektiven im Fairen Handel

Von Donnerstag, dem 29. Januar, bis Samstag, dem 31. Januar, haben wir uns im Rahmen einer Exkursion auf den Weg nach Berlin gemacht. Eingeladen waren Weltladen-Mitarbeiter:innen aus Norddeutschland, vor Ort haben wir zudem weitere Akteur:innen des Fairen Handels getroffen, um gemeinsam neue Perspektiven kennenzulernen. Im Mittelpunkt stand die Auseinandersetzung mit den Themen: Dekolonisierung und kolonialen Kontinuitäten im Fairen Handel. In unterschiedlichen Formaten haben wir uns gefragt, wie sehr koloniale Denk- und Machtstrukturen bis heute unsere globalen Handelsbeziehungen, unseren Konsum und auch unsere eigene Arbeit im Fairen Handel prägen. Dabei ging es nicht um einfache Antworten, sondern um das gemeinsame Hinschauen, Zuhören und Hinterfragen.

Die Exkursion war Teil eines offenen Prozesses. Mit Neugier, Fragen und der Erwartung auf Austausch und Inspiration starteten wir in diese Tage – wissend, dass Lernen im Fairen Handel nie abgeschlossen ist. Dieser Bericht lädt dazu ein, an unseren Eindrücken teilzuhaben und Impulse für die eigene Weltladen-Praxis mitzunehmen.

„Wer trägt die Last? Koloniale Kontinuitäten in unserem Ernährungsalltag“

Gleich zu Beginn der Exkursion tauchten wir bei einem Stadtrundgang von grenzgaenge – bildung im stadtraum e.V. in das Thema koloniale Kontinuitäten im Ernährungsalltag ein. Der Verein konzentriert sich seit über zehn Jahren auf das Themengeflecht Migration, Flucht und koloniale Geschichte im Berliner Stadtraum. Unter dem Titel „Wer trägt die Last?“ führte uns unser Guide Aaron an verschiedene Orte in Berlin-Neukölln. Hier wurden globale Lieferketten, Machtverhältnisse und Konsumgewohnheiten unmittelbar sichtbar. Trotz eisiger Temperaturen und vereister Wege erwies sich der Rundgang als äußerst erkenntnisreich und bot gute Anknüpfungspunkte für unsere eigene Arbeit.

Ausgehend von Lebensmitteln und kulinarischen Spezialitäten aus aller Welt näherte sich der Rundgang den globalen Verflechtungen, die hinter unserem Essen stehen. Ziel war es, das Bewusstsein für die Arbeits- und Lebensbedingungen in Ländern des Globalen Südens zu schärfen, die den Weg dieser Produkte bis auf unsere Teller ermöglichen. Dabei wurden unterschiedliche Aspekte des Essens in den Blick genommen: Wer produziert unter welchen Bedingungen? Wer profitiert? Und wessen Perspektiven bleiben oft unsichtbar?

An konkreten Orten wie einem EDEKA-Supermarkt sowie einem Darkstore von „Flink“ erzählte Aaron die Geschichten hinter einzelnen Produkten (u.a. Bananen) und Geschäftsmodellen. Besonders eindrücklich war in diesem Zusammenhang der Bezug zum Oxfam-Supermarktcheck, der die Verantwortung großer Supermarktketten im Hinblick auf Menschenrechte und faire Lieferketten untersucht. Der Blick auf EDEKA machte deutlich, wie groß der Handlungsbedarf selbst bei Marktführern ist – ein Aha-Moment, der uns noch weiter beschäftigen wird.

Grafik Oxfam Supermarktcheck 2022

Wer hier weiterlesen möchte, bekommt in der Kurzpublikation „Die Macht der Big Four” vom Forum Fairer Handel einen ersten Überblick über die Marktkonzentration im deutschen Lebensmitteleinzelhandel und seine Folgen für die Lebensmittellieferketten. Gerade im Kontrast zu den Supermärkten und Schnelllieferdiensten wurde deutlich, welches Potenzial Weltläden haben, Transparenz zu schaffen, Verantwortung sichtbar zu machen und andere Formen des Wirtschaftens erfahrbar werden zu lassen.

Gespräch und Austausch im Global Village

Unser erster Programmpunkt am Freitag führte uns in das Berlin Global Village – das Eine-Welt-Zentrum. Als sichtbarer Ort für gesellschaftlichen Wandel und globale Gerechtigkeit bietet das Global Village Raum für Kooperation, Austausch und Vernetzung: Rund 50 entwicklungspolitische sowie migrantisch-diasporische NGOs arbeiten hier. Öffentliche Veranstaltungsräume ermöglichen politische und kulturelle Programme zudem bündelt die Berlin Global Village gGmbH Ressourcen für gemeinsame Infrastruktur und Begegnung. In diesem lebendigen Netzwerk hatten wir die Möglichkeit, direkt mit Akteur:innen des Fairen Handels ins Gespräch zu kommen.

Zu Beginn stellten drei Organisationen ihre Perspektiven auf Dekolonisierung und koloniale Kontinuitäten im Fairen Handel vor:

  • ASID Europe e.V. (Association for Sustainable and Inclusive Development)
    Renée Eloundou präsentierte unter anderem das Auslandsprojekt Binga Nnam mit der Fragestellung „Wie gelingt eine wirksame und nachhaltige Autonomisierung von Frauen im ländlichen Raum?“ und die Ausstellung „Fair Trade dekolonial?“ mit Interviews und Videomaterial. Besonders spannend war die Diskussion über die Herausforderung, den Fairen Handel kritisch zu hinterfragen, ohne ihn grundsätzlich infrage zu stellen. ASID empfiehlt unter anderem, gerechten Zugang zu Märkten und Ressourcen zu fördern, Räume für Dialog zu schaffen und lokal orientierte Degrowth-Ansätze sichtbar zu machen, z. B. durch verstärkte Nutzung regionaler Produkte. Seit 2023 ist ASID Europe auch Mitglied vom Aktionsbündnis Fairer Handel Berlin und möchte dort für eine multiperspektive Umsetzung des Konzepts Fairer Handel mit einem Fokus auf Perspektiven aus dem Globalen Süden stehen und entsprechende Maßnahmen in Kooperation mit anderen Mitgliedsorganisationen des Bündnisses umsetzen.
  • Aktionsbündnis Fairer Handel Berlin
    Nadine Berger berichtete über das breite Bündnis rund um den Prozess der Dekolonisierung. Mit einem ergebnisoffenen Prozess von Bewusstwerdung über Positionierung bis hin zur Handlung (2023–2025) wurden verschiedene Stimmen innerhalb der Fair-Handels-Bewegung zusammengebracht. So entstand das Dossier „Im Blick: Koloniale Kontinutäten im Blick“. Es ist eine Einladung zur Reflexion und ein erster Beitrag für eine kritische Verortung und Auseinandersetzung innerhalb der Berliner Fair-Handels-Bewegung.
  • Forum Fairer Handel
    Silke Bölts stellte u.a. die Broschüre „Koloniale Kontinuitäten im Fairen Handel überwinden“ vor, die Arbeitshilfen, Wimmelbilder und Checklisten für eine reflektierte Bildsprache im Fairen Handel bietet. Zentral ist hier die Botschaft: keine Traumaerzählungen, kein White-Saviourism, keine stereotypen Darstellungen. Als Beispiele dienten Videos wie „Porträt der Kooperative Manduvira, Paraguay – Fund for Producer Partners“. Beraten wurde das Forum Fairer Handel hierzu von Manpreet Kaur Kalra, bei der wir als Fair-Handels-Beratung Nord beim WFTO-Summit 2022 auch einen Workshop dazu besucht haben. Nachlesen könnt ihr dazu hier.

Für die Praxis unserer Weltläden ist besonders interessant, dass wir bereits eigene Materialien wie den Jahresplaner für Weltläden nutzen können, der aufbereitete Bilder, Texte und Ideen für Öffentlichkeitsarbeit bündelt und so beispielsweise der Reproduktion von kolonialen Kontinuitäten in der Bildsprache vorbeugt.

Im anschließenden Austausch unter den teilnehmenden Weltläden wurde deutlich, wie inspirierend und gleichzeitig herausfordernd diese Themen sind. Es entstanden Gespräche über die Umsetzung von Dekolonisierungsansätzen im eigenen Weltladen, über Möglichkeiten, koloniale Kontinuitäten in der Bildungsarbeit sichtbar zu machen, über die Gestaltung von Bildsprache für die Öffentlichkeitsarbeit und die Führung von Verkaufsgesprächen. Der Besuch im Global Village zeigte eindrücklich, dass kritische Reflexion und die Frage nach praktischer Umsetzung herausfordernd bleiben. Für uns ist es wichtig festzuhalten: Wir tun da etwas, bei dem wir wirksam sein können.

Besuch eines Best-Practice-Beispiels: GoodBuy Store

Ein weiterer Programmpunkt und damit auch inhaltlicher Wechsel am Freitag war der Besuch des GoodBuy Store, einem modernen Einzelhandelsgeschäft, das seit 2019 zeigt, wie nachhaltiger Konsum und Fairness im Handel heute praktisch umgesetzt werden können. Zu Beginn führte uns Nina, die „Wächterin über das Sortiment“, kurz in das Konzept des Stores ein und erläuterte die Philosophie hinter der Auswahl der Produkte.

Der GoodBuy Store versteht sich als nachhaltiger Shop für Geschenke und Produkte mit Impact. Alle angebotenen Marken stammen von Unternehmen, die Impact vor Profit stellen. Für uns war besonders inspirierend zu sehen, wie Produkte ansprechend präsentiert und themenorientiert kuratiert werden können. Viele Artikel erinnerten an klassische Weltladen-Sortimente, doch die junge, engagierte Belegschaft des Stores ergänzte dies durch frische Ideen, moderne Präsentation und ein klares Storytelling, das die Wirkung der Produkte sichtbar machte. Der Besuch zeigte eindrücklich, dass Werte des Fairen Handels auch im modernen Einzelhandel erfolgreich umgesetzt werden können – und dass dabei Innovation, Kreativität und Leidenschaft eine zentrale Rolle spielen.

Drei Berliner Weltläden

Am letzten Tag unserer Exkursion, am Samstag, konnten wir uns noch von der Leidenschaft der Weltläden in Berlin überzeugen. Wir besuchten drei Weltläden, um unterschiedliche Konzepte, Standorte und Arbeitsformen kennenzulernen:

Die Weltläden unterscheiden sich in Hauptamtlichkeit bzw. Ehrenamtlichkeit, Ladeneinrichtung und Sortiment. Jeder Weltladen bot uns einen persönlichen Einblick: Die Mitarbeiter:innen stellten ihre Läden vor, berichteten über ihre Arbeit und die Besonderheiten ihres Sortiments. Wir hatten Zeit, in den Regalen zu stöbern, Fragen zu stellen und Anregungen für die eigene Praxis mitzunehmen. So wurde deutlich, dass jedes Ladenkonzept auf seine Weise inspirierend ist, und dass Leidenschaft, Engagement und kreativer Einsatz die entscheidenden Faktoren sind, um Fairen Handel erfolgreich zu leben.

Gemeinsam, offen und selbstkritisch

Die Exkursion hat gezeigt: Fairer Handel lebt von Menschen, die sich engagieren, Fragen stellen und aus Überzeugung handeln. Ob an Orten wie dem Global Village, GoodBuy Store oder in Weltläden – überall steckt der Wille, globale Gerechtigkeit im Alltag erfahrbar zu machen. Das gelingt uns nicht immer ohne Fehler – es bleibt aber das Ziel, in unserer Arbeit und unserem Engagement sensibler zu werden und kolonialen Kontinuitäten mit Entschiedenheit zu begegnen.

Für uns als Weltladen-Praxis bedeutet das: Wir bleiben offen, selbstkritisch und am Thema dran. Nicht alles ist sofort lösbar, aber durch Austausch, Vernetzung und gemeinsame Reflexion lassen sich neue Perspektiven entdecken, praktische Ansätze entwickeln und Herausforderungen Schritt für Schritt überwinden. Dabei ist die Fair-Handels-Beratung Nord eine verlässliche Partnerin: Wir unterstützen Weltläden bei unterschiedlichsten Fragen – sei es zur Sortimentsgestaltung, Bildungsarbeit, Öffentlichkeitsarbeit oder zu inhaltlichen Themen des Fairen Handels.

Am Ende sind wir Teil einer gemeinsamen Bewegung, die voneinander lernt, sich gegenseitig inspiriert und unterstützt. Die Begegnungen, Impulse und Gespräche dieser Tage zeigen: Gemeinsam können wir den Fairen Handel sichtbar, kritisch und lebendig gestalten – und immer wieder neu hinterfragen, wie wir ihn noch gerechter machen können.

Danke an alle Beteiligten für die gemeinsame Erfahrung!