Begegnungsreise zu Fair-Handelspartner:innen in Südafrika

Begleitet uns online

Bald ist es soweit: Nach drei Jahren des Abstands und der langen Vorfreude (und Vorbereitung) wird Ende Oktober eine kleine Reisegruppe nach Südafrika aufbrechen. Unsere achtköpfige Gruppe wird geleitet von Hans-Christoph Bill, Fair-Handels-Berater, der nun nach 2017 und 2019 erneut diese Reise für Mitarbeitende im Fairen Handel angeboten hat. Die weiteren sieben Teilnehmenden kommen u.a. aus Weltläden oder sind in der Fair-Handels-Beratung, wie Laura Göpfert, tätig. Alle sind gespannt auf das geplante Programm in Südafrika.

Die Eindrücke werden in diesem Jahr während der Reise online mit Kurzberichten und Fotos hier eingestellt, solange die Zeit und das World Wide Web mitspielen. Die Berichte werden von Stefanie Groß, Projektkoordinatorin Fairer Handel in Gemeinden der Nordkirche, verfasst und in Kooperation mit der Fair-Handels-Beratung hier veröffentlicht.

Was erwartet uns?

  • Besuche bei Fair-Handels-Partner:innen, z.B. Sonnenglas-Produzent:innen, Turqle Trading (Gewürzmischungen etc.), Isuna-Keramik, bei der Heiveld Co-Operative (Rooibostee, Ökotourismus), Kapula (Kerzen und Keramik), bei Koopmanskloof und der Stellar Winery (Weine)
  • Viele Impressionen von Wirkungen und Grenzen des Fairen Handels UND von Menschen und Lebensräumen in einem Südafrika mehr als 25 Jahre nach dem offiziellen Ende der Apartheid
  • Eine selbstverantwortliche und teilweise selbstorganisierte Reise, als Selbstfahrer:innen unterwegs in gemieteten PKW
  • Ein bunter Mix aus zahlreichen Besuchen, Gesprächen und Diskussionen, aus Landeskunde, Politik, Geschichte und natürlich auch aus touristischen Zielen, um das Bild zu vervollständigen

Für die meisten von uns wird diese Reise ein einmaliges Erlebnis sein. Begleitet uns hier auf unserer Begegnungsreise nach Johannesburg und in die Region Western Cape, Südafrika.

Reiseeindrücke von
Stefanie Groß
Projektkoordinatorin
Fairer Handel in Kirchengemeinden

Es geht los

Die Impressionen der ersten Tage kommen mit etwas Verzögerung: Unser Programm war und ist ab dem Zeitpunkt der Landung so voll, vielfältig und überwältigend, dass meine Berichte erst einmal etwas warten mussten. Nun ist auch die Müdigkeit nach der langen Anreise abgeschüttelt, und hier wird aufgeholt!

Am Freitagvormittag, dem 28. Oktober, landeten wir nach sieben Stunden Flughafen-Aufenthalten und insgesamt etwa 13 Stunden Flugzeit von Hamburg über London glücklich in Johannesburg. Die Enge im Flugzeug und einige Verspätungen haben bei allen für einen etwas zermürbten Zustand gesorgt, der aber mit aufgeregter Vorfreude Hand in Hand ging. Vom Flughafen aus brachten uns die beiden Fahrer:innen Steffi K. und HaChri heldenhaft durch den ungewohnt chaotischen Stadtverkehr Johannesburgs – noch dazu Linksverkehr! – zu unserem Backpacker-Hostel.

Lebo‘s Soweto Backpackers empfing uns wie eine Oase der Ruhe und Freundlichkeit. Der Ort im Township Orlando West hat eine ganz besondere Geschichte, die eng mit der Rassentrennung unter europäischer Fremdherrschaft und auch mit dem Ende der Apartheid verknüpft ist. Auf einer kombinierten Bike- und Tuk-Tuk-Tour durch das Township haben wir kurz nach unserer Ankunft viel darüber erfahren.

Mit Bike und Tuk-Tuk durch Soweto

Soweto ist ein Akronym für die South Western Townships in der Region um Johannesburg und ist ein Zusammenschluss aus 41 Townships. Unser Guide Lerato, ein Mitarbeiter des Backpackers, führte uns mit viel Wissen und Eloquenz durch das umgebende Township (Orlando West). Der erste Stop der Tour ging zu einem Aussichtspunkt in der Nähe des Hostels. Der Hügel dort wurde lange einfach nur als wilde Müllhalde genutzt, doch nun entsteht hier, ausgehend von Lebo‘s, ein weiteres lokales Gemeinschaftsprojekt mit einer permanent bepflanzten Anbaufläche („permanent gardening“) und einem Zeltplatz für geplante Veranstaltungen.

Mit Blick auf die umliegenden Townships schilderte Lerato eindrücklich die Folgen der niederländischen / burischen und der britischen Kolonialzeit. Unter der europäischen Vorherrschaft seit der Mitte des 17. Jahrhunderts wurden die ursprünglichen Bewohner:innen Südafrikas mehr und mehr aus ihren angestammten Gebieten verdrängt und später gezielt umgesiedelt, u.a. in Townships. Gleichzeitig wurde ihnen fortlaufend das Narrativ ihrer Unmündigkeit und Rechtlosigkeit vermittelt. Als um 1885 in und um Johannesburg ein Goldrausch einsetzte, wurden die Townships zu einem „Reservoire“ billigster Arbeitskräfte für die Minen, die dazu dienten – so unser Guide – allen Reichtum und Wohlstand aus dem Land und seinen Bewohner:innen zu extrahieren. Rundherum sieht man hier riesige Abraumhalden der Minen, in denen die Arbeitskraft unzähliger Menschen ausgebeutet wurde. Die Halden werden von den hiesigen Einwohner:innen ironisch „Sowetos Tafelberge“ genannt.

Nach einem vorübergehenden rechtlichen Entgegenkommen und nachdem in den Anfängen der Goldsuche auch mittellose europäische Arbeiter:innen in den Townships siedelten, wurden diese – vom Vorherrschaftsdenken der weißen, europäisch-stämmigen Bevölkerung gesteuert – zunehmend zu Orten der erzwungenen Rassentrennung. Die Rassentrennung gipfelte, im negativen Sinne, in der staatlich organisierten und mit Gesetzen untermauerten Apartheid („Getrenntheit“, 1940er bis 1990er Jahre). Mittlerweile ist Südafrika seit über 25 Jahren eine Demokratie, doch das Trauma der Rassentrennung, der gezielt vorenthaltenen Bildungsmöglichkeiten und der gewaltsamen Bevormundung, wird wohl noch eine längere Zeit in einem großen Teil der südafrikanischen Bevölkerung nachhallen.

Eine Weile nach der Demokratisierung wurde Soweto von Tourismus-Managern aus dem In- und Ausland für die Durchführung von Sightseeing-Touren entdeckt. Hier kam Lebo ins Spiel, der damals Kunsthandwerk an Tourist:innen verkaufte. Er lud einige der Tourist:innen in das Haus seiner Großmutter in Soweto ein, um einen authentischen Eindruck zu bekommen. Daraus entstand der Plan, einen Ort für Reisende aus aller Welt zu schaffen, der von und mit Bewohner:innen des Townships betrieben wird und z.B. bei den geführten Touren einen anderen Blick auf das Leben dort vermittelt. Alle Mitarbeitenden scheinen sehr stolz auf dieses Projekt zu sein. Die Basis des Backpackers ist noch immer das Haus der Großmutter – mittlerweile umgebaut und mit einigen Anbauten.

Unsere Bike- und Tuk-Tuk-Tour führte durch gut ausgebaute Straßenzüge und ebenso durch solche mit dürftigen Blechhütten, Schotterpisten mit Abwasserrinnsalen und deutlich erkennbarer Armut. Vom dortigen Leben, das auf der Straße stattfindet, werden hier allerdings aus Gründen des Respekts keine Fotos eingestellt, ebenso nicht von den vielen Kindern, die winkend am Straßenrand standen, während unser Guide und der Fahrer ständig rufend und hupend grüßten.

Wir hatten bereits im Vorfeld abgesprochen und auch unser Guide wies darauf hin, keine Fotos von Kindern zu machen – und auch von Erwachsenen nicht aus der Nähe, ohne vorher nach ihrem Einverständnis gefragt zu haben. An diese ungeschrieben Regeln werden wir uns während unserer gesamten Reise halten.

Insgesamt war die Township-Tour „ein Brett“, eine Herausforderung mit viel inhaltlichem Input und sicher ein passender Einstieg in wichtige Themen dieser Reise zu Fair-Handels-Partner:innen in Südafrika: den Ausstieg aus dem Teufelskreis von Armut und Arbeitslosigkeit, die Bedeutung existenzsichernder Beschäftigung, das Bewusstsein über Bildungs- und Aufstiegsmöglichkeiten und die Befähigung zur Veränderung der eigenen Lebensumstände.

Besuch bei SONNENGLAS in den Victoria Yards, Johannesburg (29.10.)

Ein Teil der Produktion, das Büro und der Showroom von SONNENGLAS befinden sich in den Johannesburger Victoria Yards, einem urbanen Quartier. Ein Komplex leerstehender, verfallender Industriegebäude wird dort fortlaufend saniert und zu Verkaufsräumen, Kunstateliers und Werkstätten umgebaut. Ergänzend zum geschäftlichen Aspekt spielen Gemeinschaftsprojekte im Sozial-, Bildungs- und Nachhaltigkeitsbereich eine große Rolle. So wird auf einem großen Teil der Außenflächen sehr professionell Urban Gardening zur Selbstversorgung betrieben.

Die Ankunft in den Victoria Yards begeisterte uns: Gerade noch waren wir durch kaum ansprechende Straßen eines Industriegebiets gefahren, da tauchten wir in dem Quartier wenige Meter vom Straßenrand entfernt erneut in eine komplett andere Welt ein.

Die Firma SONNENGLAS, die seit Jahresbeginn nicht mehr mit dem bisherigen WFTO-geprüften Hersteller SUNTOY (diesen besuchen wir in 2 Tagen) zusammenarbeitet, hat ihre Verkaufs- und Produktionsräume mitten in den Victoria Yards. Hier werden die neuen Solar-Module gefertigt. Wir hatten die Möglichkeit, bei den Schritten der Herstellung und der Qualitätskontrolle zuzusehen, uns alles erläutern zu lassen und Fragen zu stellen.

Die Mitarbeitenden wurden alle neu für die nun hier stattfindende Produktion eingestellt (bei hoher Arbeitslosigkeit und während der Pandemie!) und scheinen sehr entspannt und zufrieden. Sie wurden ausführlich bzgl. des Produktes geschult und werden nach einem Jahr einen langfristigen Vertrag erhalten. Eine Schulung zum Fairen Handel steht nach der Zulassung bei der EZA Fairer Handel GmbH (österreichische Fair-Handels-Importorganisation) noch an.

Anti-Apartheid-Museum in Johannesburg

Am Nachmittag besuchten wir das Anti-Apartheid-Museum in Johannesburg. Die Anti-Apartheidsbewegung hatte im nahen Soweto ihr Zentrum – die ehemaligen Wohnhäuser des späteren Präsidenten Nelson Mandela und weiteren wichtigen Persönlichkeiten der Bewegung sind dort zu touristischen Zielen geworden.

In Soweto wurde an der Stelle der gewaltsamen Niederschlagung eines Schüler:innen- und Student:innen-Protests ein Museum errichtet, doch das großflächige und modern konzipierte Anti-Apartheid-Museum befindet sich in Johannesburg – für uns etwas verblüffend, teilt es sich Einfahrt und Parkplatz mit einen großen Freizeitpark, der die Bauten auf dem Gelände einer ehemaligen Goldmine mit einbezieht.

Die Ausstellung bietet eine große Menge an eindrucksvoll aufbereiteten Informationen, Bildern, Videos und Installationen, die die Zeit der Apartheid schildern und ihre Grausamkeit nachempfinden lassen. Besucher:innen betreten das Gebäude durch zwei unterschiedliche Eingänge: Durch eine Ticket-Beschriftung nach dem Zufallsprinzip wird hier direkt die Willkür der Rassentrennung widergespiegelt.

Nationalpark Pilanesberg (30.10.)

Am dritten Tag standen Naturschutz und Landeskunde auf dem Programm – mit einer Tagestour in einen nördlich von Johannesburg gelegenen Nationalpark. So weit und groß Südafrika ist: Fast jeder noch so entlegene Landstrich, durch den wir bisher gefahren sind, wurde bearbeitet, umgegraben oder beweidet. Wildtiere, insbesondere die größeren, die hier früher in weiten Teilen des Landes zuhause waren, kann man heute kaum noch außerhalb der geschützten und bewachten Nationalparks beobachten. Das, was wir in dem sehr weitläufigen Nationalpark Pilanesberg zu sehen bekamen, entschädigte für die jeweils gut dreistündige An- und Abfahrt: eine faszinierende Tierwelt in ihrem beinahe ursprünglichen, wunderschönen Lebensraum.

Besuch bei Suntoy (31.10.)

Früh am Morgen packten wir aufs Neue unsere Taschen, Rucksäcke und Koffer: für den Nachmittag war der Flug von Johannesburg nach Kapstadt gebucht. Vorher waren wir bei „The Green Energy Warehouse“, Firmensitz von Suntoy, dem anderen Hersteller von Solar-Leuchten, angemeldet. Der Firmengründer/Geschäftsführer des WFTO-Mitglieds, der die Marke Suntoy entwickelt hat, nahm sich viel Zeit für uns, erläuterte uns seine Motivation und die Pläne für die Zukunft und führte uns durch die Produktionsräume bzw. -hallen.

Wie schon beschrieben, haben Sonnenglas und Suntoy in diesem Jahr ihre Zusammenarbeit beendet. Die Produktion bei Suntoy läuft mittlerweile wieder fast auf vollen Touren, nachdem beide Hersteller nach der Trennung leicht abweichende Solarlicht-Modelle entwickelt haben … und vor allem nach den Einschränkungen durch COVID und nach einem der striktesten Lockdowns weltweit. Für große Teile der südafrikanischen Bevölkerung hatte diese Phase der Pandemie wesentlich einschneidendere Folgen als der Lockdown in Deutschland und in anderen europäischen Ländern.

Suntoy bzw. „The Green Energy Warehouse“ als Fair-Handels-Unternehmen hat keine Verträge aufgelöst, sondern z.T. in Absprache mit den Mitarbeiter:innen die Arbeitszeiten (und damit leider auch den Lohn) etwas heruntergefahren, z.T. in Schichten produziert und auf Heimarbeit umgestellt. Auch wurde und wird regelmäßig getestet. Für die große Nachfrage nach Solar-Leuchten gibt es nun also zwei Anbieter. 😄

Während wir in Deutschland/Europa die Lichter bisher als Accessoires für heimelige Abende oder zum Camping verwenden, haben sie in Südafrika in den letzten Jahren auch in gut erschlossenen Regionen und in Städten eine besondere Bedeutung bekommen: Sie werden benötigt, um zumindest eine Beleuchtung zu garantieren, wenn das sogenannte „Loadshedding“ einsetzt. Loadshedding ist ein in Wellen durch das ganze Land gehender, meistens etwa zweistündiger „rolling Blackout“ des Energieversorgers. Aus verschiedenen Gründen, die gelegentlich sehr kritisch kommentiert werden, gibt es in Südafrika so gut wie keine Ressourcen für die Energieversorgung. Vereinfacht heißt das in etwa, dass die Versorgung immer dann eingestellt wird, wenn die Nutzung von Energie die vorhandenen Ressourcen zu überschreiten droht. So soll ein kompletter Zusammenbruch vermieden werden.

In diesem Jahr ist das Loadshedding besonders häufig, wird aber endlich zumindest einige Stunden im Voraus angekündigt. Der mehrstündige Blackout (vor allem dann, wenn er in der Vergangenheit unangekündigt einsetzte) bedeutet für Produzent:innen, die auf Strom für ihre Geräte angewiesen sind, dass sie ggf. mit Verlust ein Herstellungsverfahren abbrechen müssen oder gar nicht erst durchführen können. Mittlerweile haben viele Betriebe Generatoren anschaffen müssen (mit hohen Mehrkosten), um Ausfälle zu überbrücken. Geschäfte, Gastronomie, Hotels und Hostels versuchen, sich so gut wie möglich mit dem Loadshedding zu arrangieren, haben z.B. Solarleuchten angeschafft und bieten Speisen aus dem Holzkohleofen oder vom Grill an.

Besuch bei Turqle Trading in Kapstadt: Gewürzmischungen und Saucen (1.11.)

Der erste Vormittag in Kapstadt war für Turqle Trading reserviert (Gewürzmischungen, Gewürzmühlen, Saucen). Turqle Trading produziert nicht selbst, sondern bietet als „Schirmorganisation“ einen speziellen, gut betreuten Service zwischen Produzent:innen und Kund:innen bzw. Händler:innen an.

Wir besuchten Rain und Pieter, die Turqle Trading gegründet haben, um hier ansässige Produzent:innen zu stärken und ihnen neue Märkte zu erschließen. Beide stellten in einem ausführlichen Vortrag sehr glaubwürdig dar, keine Profitabsichten zu haben, sondern Empowerment „von der Basis an“ zu betreiben. Für sie geht es im Fairen Handel um „happy food, happy people, happy environment“, was jede Mühe wert ist. Turqle Trading arbeitet aktuell mit einer Reihe von Hersteller:innen zusammen, die insgesamt über 600 Personen beschäftigen, und bespielt für diese mit verschiedenen Produktlinien verschiedene Märkte (in Deutschland, in Großbritannien und auch regional). Die Fair-Handels-Praktiken der beteiligten Produzent:innen werden regelmäßig überprüft.

Die Organisation, die selbst nur wenige feste Mitarbeiter:innen hat, ist engagiertes Mitglied der WFTO und kümmert sich um Produktentwicklung, Qualitätskontrolle, Fracht/Logistik, Labels und die Abwicklung von Bestellungen. Dadurch, dass auch Verpackungen wie Flaschen oder Gewürzmühlen in Südafrika zusammengesetzt werden, bleibt ein großer Teil der Wertschöpfung im eigenen Land. Das Risiko aller Transaktionen – z.B. bei Zahlungs-Verzögerung – liegt bei Turqle Trading, wobei im Fokus steht, dass die Produzent:innen bezahlt werden (50% im Voraus!). Uns wurde erklärt, dass die Fracht im Moment eines der größten Probleme ist: Streiks und Hitze verhindern über Wochen die Transporte.

Unsere Gastgeber:innen schilderten uns ausführlich die katastrophalen Auswirkungen von COVID und des fast 5-monatigen Lockdowns: Nahezu die komplette, von Tourismus und Exporten abhängige Wirtschaft in und um Kapstadt brach ein; Schulschließungen und das Aussetzen von kostenlosen Essensausgaben führten gerade bei armen Familien zu starker Mangelversorgung. Turqle Trading setzte sich ein und sammelte Spenden bei den Kund:innen und Importeur:innen, um ausfallende Verpflegungen zu ersetzen.

Turqle Trading vermarktet u.a. Fynbos Fine Foods, wo wir am nächsten Tag angemeldet waren.

Besuch bei Fynbos Fine Foods: Chutneys, Marmeladen und Saucen (2.11.)

Der zweite Tag in Kapstadt war ausgefüllt mit Besuchen bei Fynbos Fine Foods und Isuna Keramik. Vormittags fuhren wir ein Stück aus der Stadt heraus an der Küste entlang zur Farm und Produktionsstätte von Fynbos Fine Foods und waren ein weiteres Mal fasziniert von der Lage und Umgebung Kapstadt. Bei Fynbos Fine Food begrüßten uns die Gründerin und Besitzerin des Betriebs, die Zuständige für das Fair-Handels-Monitoring in dieser Region und eine der Mitarbeiter:innen. An einem reich gedeckten Tisch im Wohnhaus konnten wir genüsslich eine Reihe von hier hergestellten Chutneys, Marmeladen und Saucen probieren.

Fynbos Fine Food ist einer der größeren Herstellerbetriebe, die u.a. über Turqle Trading vertrieben werden (z.B. nach Deutschland mit der Importorganisation El Puente), aber auch selbst weitere Märkte beliefern. Nicht alle Produkte – insbesondere im südafrikanischen Handel – sind mit den Siegeln des Fairen Handels versehen, aber die Fertigung findet grundsätzlich unter Befolgung der Prinzipien des Fairen Handels statt. Eine der langjährigen Mitarbeiter:innen schilderte uns, wie sie bestärkt und motiviert wurde, durch von der Firma geförderte Fortbildungen von einer einfachen Arbeit als Produktionshelferin in eine der verantwortungsvollen Positionen im Betrieb aufzusteigen und so persönlich wie beruflich die Vorteile des Fairen Handels erfahren hat. Für viele Frauen gibt es hier eine sonst eher selten gebotene Chance, ihr Leben und das ihrer Familien zu verbessern.

Anneline erzählt uns von ihren verschiedenen fachlichen Qualifikationen und von einer regelmäßig durchgeführten Befragung in der Art einer „Armuts-Ampel“, die auch das Lebensumfeld mit einbezieht: Es geht um die Verringerung der Armuts-Begleiter Gewalt, Alkohol- und Drogenkonsum, um die Verbesserung der sozialen und medizinischen Infrastruktur, um Kinderbetreuung, Schulbildung u.v.m.. Die Zielsetzung ist, von Befragung zu Befragung symbolisch mehr grüne und weniger rote Ampeln zu erarbeiten. Wie schon am Vortag bei Turqle Trading fiel die Aussage, es sei „für die Menschen wichtig zu erkennen, was man hat, statt nur zu sehen, was man nicht hat“. Im Anschluss an das Gespräch wurden wir „hygienisch verpackt“ durch die Produktionsräume geführt. Viele der Tätigkeiten, die andernorts längst von Maschinen übernommen wurden, werden hier nach einer bewussten Entscheidung der Firma weiterhin kleinteilig von Hand durchgeführt, um Arbeitsplätze zu schaffen.

Besuch bei Isuna: Keramik

Am späten Mittag ging es wieder hinein nach Kapstadt, zu Isuna Keramik in einem Industriegebiet in der Nähe des Hafens. Die wechselnde Bebauung entlang der Straßen sagt auch in Kapstadt wieder viel über die unterschiedlichen Lebenswelten der Menschen aus: Der Weg führt genauso an Ansammlungen notdürftig zusammengebauter kleiner Hütten mit Blechdächern vorbei, wie schicken, hoch eingezäunten und bewachten „gated communities“ und allerlei dazwischen liegenden Abstufungen. Die beiden Extreme spiegeln zum großen Teil noch immer die Besitzverhältnisse früherer Zeiten wider.

Isuna ist ein kleiner Betrieb mit nur wenigen Angestellten. Die Künstler:innen bemalen liebevoll in reiner Handarbeit herrlich bunte Tassen, Teller, Schalen, Vasen und mehr. Wir hatten viel Zeit, um uns die Fertigung und die Glasierung zeigen zu lassen und mit den Künstler:innen zu sprechen.

Das Loadshedding (geplanter stundenweiser Energie-Blackout) stellt für die Keramik-Bearbeitung ein großes Problem dar. Die bemalten Stücke müssen mit der Glasur tagelang wiederholt im Ofen gebrannt werden. Zwar wird der Blackout mittlerweile meistens tags zuvor angekündigt, doch manchmal reicht die Brennzeit dennoch nicht oder die Ankündigung war zu kurzfristig – durch die nicht aufrechterhaltenen Temperaturen oder Schwankungen zerbrechen mehr Teile als normal während des Brennvorgangs oder sie haben Abplatzungen. Wir wurden bei diesem Besuch gleich zweimal von HaChri und Neo, der Produktionsleiterin und „Seele“ des Betriebs, überrascht: Wir durften selbst kleine Kacheln mit den typischen Isuna-Farben bemalen … und jede von uns bekam eine schon vorher angefertigte Namenstasse überreicht!

Besuch bei African Home und Streetwires: Kunsthandwerk aus Drähten (3.11.)

Nach dem vorigen, sehr vollen Tagesprogramm stand am 3.11. ein ruhiger Tag und der Besuch bei „African Home“ in einem Stadtteil von Kapstadt an, in dem gerade die Gentrifizierung im vollen Gang ist: Verkommende Gebäude stehen neben aufgemöbelten, angesagten Shopping- und Ausgeh-Zielen. African Home ist ein kleiner Vertrieb und Hersteller von allerlei lokal produzierten Kunsthandwerks-Artikeln. Der Präsentations- und Verkaufsraum in einem Dachgeschoss dient gleichzeitig als kleine Werkstatt. Wir konnten zusehen, wie in geduldiger Feinarbeit Glasperlen auf dünne Drähte gefädelt werden, um später zu einem Zebra zu werden.

Auf der anderen Straßenseite befindet sich ein sehr professionell geführter Shop mit Produktionsfläche, in dem ausschließlich handgefertigte, hochwertige Glasperlen-Figuren – vor allem Tiere – angefertigt werden.

Robben-Island (4.11.)

Am Freitag, 4.11., machten wir uns früh auf, um nach Robben Island überzusetzen. Die Insel vor der Küste Kapstadts hat eine lange Geschichte als Gefängnis- und Verteidigungs-Standort. Berüchtigt wurde sie während der Apartheid, als hier ein Gefängnis und Arbeitslager für politische Gegner installiert wurde. Heute ist die Insel ein vielbesuchtes Ziel – die Touren mit Überfahrten, Busfahrt und Gefängnisbesichtigung sind gut durchorganisiert und beginnen an einem eigenen Anleger an der Kapstädter Waterfront. Neben dem berühmtesten Insassen, Nelson Mandela, wurden bis zur Amnestie im Zuge der politischen Wende in den 1990er Jahren viele Menschen nach Robben Island deportiert. Die meisten mussten wegen „Terrorismus“ gegen das Apartheid-Regime eine lange Strafe absitzen: Unser Guide, ein ehemaliger Häftling der Strafanstalt, erzählte von einem 14-Jährigen, der aufgrund eines regierungsfeindlichen Plakats verurteilt und hierher verbracht wurde. Er selbst war lange Jahre auf Robben Island inhaftiert und schilderte die extremen Haftbedingungen: Nächte nur auf einer ungepolsterten Matte auf dem Boden, Arbeit im Steinbruch, Abhöranlagen, gezielte Mangelernährung, Winter in Kälte und Feuchtigkeit ohne Schuhe, Jacken und lange Hosen, … Bei einem unerlaubten Schritt im Hof waren sofort Wachen mit Schäferhunden zur Stelle. Selbst bei den ohnehin menschenunwürdigen Haftbedingungen bekamen Schwarze Inhaftierte noch schlechtere Behandlungen als diejenigen mit hellerer Haut zu spüren.

Wir alle waren nach diesem Besuch etwas mitgenommen: Auch wenn wir die Apartheid schon mehrfach vorher zum Thema hatten und ihre Folgen uns überall begleiten, kann man an diesem Ort die Grausamkeit noch auf besondere Weise nachspüren.

Tafelberg

Um nach vielen bewegenden inhaltlichen Inputs wieder etwas zu entspannen und weil es ein „Muss“ bei einem Kapstadt-Besuch ist, stand der Nachmittag ganz im Zeichen des Tafelbergs. Die Hälfte unserer Gruppe machte sich zu Fuß zur etwa dreistündigen Besteigung auf den Weg, um sich „mal auszupowern“ – die andere Hälfte nutzte glücklich die wenige Minuten dauernde Beförderung per Kabinen-Seilbahn auf das Felsplateau, das gut einen Kilometer über der Stadt drohnt. Was für ein Ausblick!

Die anfangs noch teils klare Sicht wurde im Laufe der nächsten Stunden durch neblige Wolken verhüllt, was ebenso beeindruckend war: Von unten sieht die typische Wolkendecke wie ein Tischtuch auf der Tafel aus („Tablecloth“), doch steht man oben mittendrin, hat es einen faszinierend gespenstischen Charme. Der gleichzeitig einsetzende kalte Wind trieb uns allerdings irgendwann ins dort oben liegende Restaurant und letztendlich auch vor dem Sonnenuntergang, den wir eigentlich gemeinsam von oben betrachten wollten, wieder hinunter ins Tal. Unsere Wandernden kamen erst kurz vor der Rückfahrt der letzten Seilbahn-Kabine auf dem Plateau an – drei der vier haben den steilen Aufstieg bis zum Ende genossen.

Township-Rundgang: Langa in Kapstadt (5.11.)

Wir beendeten unseren ersten Aufenthalt in Kapstadt (drei weitere Übernachtungen stehen gegen Ende der Reise an) mit einem weiteren Treffen mit Neo von Isuna, die uns dieses Mal durch das Township führte, in dem sie aufwuchs und in dem nach wie vor ihre Mutter seit vielen Jahrzehnten im kleinen Haus der Familie lebt. Neo selbst lebt mit Mann und Kindern mittlerweile in einem Vorort Kapstadts. Die Mutter, „Ma-Neo“, betrieb bis vor einigen Jahren ein kleines Gästehaus, das sie aufgrund ihres Alters und zunehmender gesundheitlicher Probleme aufgeben musste. Für sie ist es wichtig, dort wohnen zu bleiben und sie freute sich über unseren kurzen Besuch in ihrem Zuhause. Anschließend liefen wir mit Neo – und zur Sicherheit begleitet von zwei jungen Männern aus ihrer Verwandtschaft – etwa zwei Stunden kreuz und quer durch Langa. Wir waren beeindruckt von dem für uns doch so „anderen“ großstädtischen Leben dort. Neo und unsere beiden Begleiter waren durchgehend mit Erläuterungen und Antworten zur Stelle. Es waren nicht nur wir, die sich alles im Township interessiert anschauten, sondern auch wir selbst waren für viele Bewohner:innen einen extra Blick wert: Eltern riefen ihre Kinder, um sich die Weißen anzusehen, Kinder liefen auf uns zu, um uns aus der Nähe zu betrachten, oder wir sollten unbedingt für ein gemeinsames Foto posieren.

Besonders berührend war für uns der kurze Besuch in einem öffentlichen „Altenheim“ in Langa – für diejenigen, deren Familie sich um die Alten nicht mehr kümmern kann oder will oder die aus anderen Gründen pflegebedürftig sind. Die Schlafstätten ließen uns mit unserem gewohnten Blickwinkel spontan eher an Zellen denken, doch es ist dort für viele mehr, als sie sonst zu erwarten hätten. Wir durften uns an einer der Spiel- und Beschäftigungsrunden mit den Bewohner:innen beteiligen, die einmal wöchentlich oder zweiwöchentlich von einer der ansässigen Kirchen mit Personal und Material ermöglicht werden. Zum Abschluss unseres Rundgangs wurden wir in einem köstlichen Essen und mit Livemusik in einem Restaurant in Langa erwartet.

Anschließend brachen wir mit unserem gesamten Gepäck auf, um die Stadt für fünf Tage hinter uns zu lassen und wieder neue Seiten von Südafrika kennenlernen. Vor uns lagen Aufenthalte bei zwei Kooperativen von Rooibos-Farmern (Heiveld und Wupperthal) und dazwischen ein Besuch bei der Stellar Winery.

Fahrt zur Heiveld-Kooperative: Rooibos und mehr

Auf dem recht weiten Weg zum Anbau- und Ernte-Gebiet der Heiveld-Kooperative machten wir einen Zwischenstopp mit Übernachtung, um all die bisherigen Eindrücke, Gespräche und Treffen noch einmal in Ruhe gemeinsam Revue passieren zu lassen. Es hatte sich vieles angesammelt – vor allem Begeisterung über die Fair-Handelspartner:innen, die trotz all der andauernden Schieflagen in Südafrika (hohe Arbeitslosigkeit, marodes Bildungssystem, Energieknappheit, ….) und der aktuellen wirtschaftlichen Probleme (Pandemie, Transporthindernisse, …) weiterhin von Vorteilen des Fairen Handels überzeugt sind und ihn so gut es geht praktizieren. Im Gegensatz zu Deutschland ist das Interesse der Konsument:innen am Fairen Handel in Südafrika verschwindend gering, das der Produzent:innen dafür aber umso größer.

Am nächsten Mittag machten wir uns endlich auf, um zur Heiveld-Kooperative in der Region Suid Bokkeveld zu fahren, die auf dem westlichen Rand der großen südafrikanischen Hochebene liegt. Schon die Landschaft auf dem Weg dorthin war gelegentlich atemberaubend. Im weiten und nur durch Pisten erreichbaren Hinterland der Stadt Nieuwoudtville befinden sich die verstreuten Farmen der Kooperative, die zurzeit 64 Mitglieder zählt. Die meisten von ihnen sind Nachfahren der Khoi-San, den ersten Bewohner:innen dieser Region. Nach einer etwa einstündigen Fahrt über holprige Wege erreichten wir unser Ziel: ein Camp aus kleinen Gäste-Hütten auf dem kargen Gelände einer Heiveld-Farm (Melkkraal).

Marie, die diesen Bereich betreut, erschien mitsamt Helfer:innen eine Weile nach unserer Ankunft – wir konnten ihr nicht Bescheid geben, wann genau wir eintreffen würden, denn dort auf der Farm und im weiteren Umland gibt es kein Stromverteilung und so gut wie kein mobiles Netz. HaChri hatte die Termin Verabredungen schriftlich im Vorfeld über andere getroffen und alles klappte fast perfekt.

Unterwegs mit Noel Oettle (7.11.)

Nach einer Nacht mit ungewohnt langem Schlaf hatte HaChri für den nächsten Tag eine Tour mit Noel Oettle ausgemacht. Noel arbeitet für Projekte der Environmental Monitoring Group, ist wissenschaftliches Mitglied eines Gremiums im Rahmen der UNCCD (Konvention der Vereinten Nationen zur Bekämpfung der Desertifikation) und berät die Farmer:innen der Heiveld-Rooibos-Kooperative seit vielen Jahren beim Einsatz agrarökologischer Methoden mit dem Ziel der Resilienz gegenüber Klimawandel-Folgen … und bei der Stärkung der Gemeinschaft durch solidarische Vernetzung und eigene Marktzugänge.

Er erschien – auch mit ihm Wochen zuvor verabredet – um uns die Besonderheiten dieser Gegend zu zeigen, die zu dem weltweit einzigen kleinen Gebiet gehört, in der der Rooibos gedeiht. Unzählige Versuche, die Pflanze an anderen Ort rund um den Globus zu kultivieren, schlugen fehl. Noel erklärte uns die geologischen und klimatischen Eigenheiten der felsigen Hochebene mit ihrer kargen Buschvegetation („Fynbos“ – die Blütezeit der Pflanzen lockt im August/September scharenweise Besucher:innen an). Trotz all seiner fachlichen Expertise besticht er durch seine Bodenständigkeit und Gespräche auf Augenhöhe mit uns allen.

Spaziergang mit Marie und Besuch im Heiveld Geschäftsbüro (8.11.)

Am Morgen vor unserem teils verweinten Abschied nahm Marie uns mit auf einen Spaziergang. Wir liefen auf für uns zuerst kaum sichtbaren Pfaden durch das Gelände und bekamen ein Gefühl dafür, wie die frühen Bewohner:innen diese Gegend wohl durchstreift haben mögen. Marie zeigte uns alte Felszeichnungen, die es hier an verschiedenen Stellen zu sehen gibt, und ließ uns später unter ihrer Anleitung ein wenig wilden Rooibos ernten, den sie anschließend im Camp auf traditionelle Weise bearbeitete. Wir verließen Marie, ihre Familie und das Camp mit dem etwas klammen, bedauernden Gefühl, dass wir mit unseren zwei Übernachtungen dort die ersten Gäste seit dem Beginn der Pandemie waren. Ähnlich war es auch bei anderen Gastgeber:innen, doch hier war der Einschnitt der letzten Jahre noch direkter spürbar.

Die meisten kleinen Rooibos-Farmer:innen der Heiveld-Kooperative gehen wie Marie neben dem Anbau und der Ernte der Teepflanzen noch einer weiteren Erwerbstätigkeit nach, viele von ihnen ebenfalls im Rahmen der Kooperative (Arbeit auf dem Tea-Court, Maschinen-Wartung usw.), manche arbeiten zeitweise zusätzlich bei weißen Großfarmern im Umland. Eine Stiftung ist derzeit dabei, durch den Aufkauf einer großflächigen Farm weitere Anbauflächen für die Kooperative bereitstellen zu können.

Die Kooperative wirtschaftet selbstverwaltet und solidarisch und befolgt beispielhaft die Grundsätze des Fairen Handels. Ein kleiner Teil der Gewinne fließt in soziale Projekte, u.a. Anti-Diskriminierungs-Themen, und jede:r Farmer:in erhält den eigenen Gewinn entsprechend der eingebrachten Ernte. Die Mitglieder der Kooperative wählen einen Vorstand, der anstehende Entscheidungen trifft und für die Geschäftsführung zuständig ist. Genau diese besuchten wir bei der Abreise und waren angetan von den drei Powerfrauen im Hauptsitz der Kooperative, die uns im aktuell gut gefüllten Tee-Lager viele Details ihrer Marktzugänge und Wirtschaftsweise erläuterten.

Besuch bei der Stellar Winery

Nach den Tagen in Melkkraal tauchten wir bei der Stellar Winery in eine völlig andere Produktionswelt ein. Für die eine oder andere aus unserer Gruppe bewirkte die Ankunft in der groß angelegten, industriellen Weinkellerei fast einen kleinen „Kulturschock“ – noch am selben Morgen hatten wir den Rundgang mit Marie genossen. Wir hatten im Vorfeld der Reise bereits über das Thema „Wein aus Südafrika“ diskutiert und nun kam noch eine neue Frage hinzu: Spricht etwas gegen eine industrielle Fertigung, solange dabei Prinzipien des Fairen Handels befolgt werden können? Leider konnten wir bei Stellar außer kurzen Grüßen nicht mit Mitarbeiter:innen sprechen, da gerade Schichtende war, doch der Produktionsleiter Johan nahm sich viel Zeit für einen Rundgang, für ausführliche Erklärungen und für unsere Fragen.

Auch der Stellar Winery haben der Lockdown, die Pandemie und letztendlich die stark gestiegenen Kosten und langen Wartezeiten der Verschiffung im Exporthandel schwer zugesetzt. Ähnlich wie bei anderen Produzent:innen ist man hier seit dem Jahr 2020 verstärkt dazu übergegangen, mit neuen Produktlinien (für eine angesehene südafrikanische Einzelhandelskette) den heimischen Markt zu bespielen. Gleichzeitig wurden die mit Stellar zusammenarbeitenden Weinbauern ermuntert, auf einem Teil ihrer Flächen Obst und Gemüse anzubauen, da diese Pflanzen in einer kürzeren Zeitspanne Erträge abwerfen, die zudem der täglichen Nachfrage nach frischen Lebensmitteln entgegenkommen. Für den nächsten Tag hatte der Produktionsleiter uns in einer Schule angemeldet, die bei der Umsetzung verschiedener Projekte durch Stiftungsgelder der Weinkellerei unterstützt wurde.

Steilhoogte Primary School (9.11.)

Wir waren frühmorgens mit Johan bei der Stellar Winery verabredet, um zur Steilhoogte Primary School zu fahren. Dort verabschiedete sich der Produktionsleiter mit der Bitte, ihn bei aufkommenden Fragen jederzeit zu kontaktieren und übergab uns an Frances, die stellvertretende Direktorin der Schule. Frances führte uns mit viel eigener Begeisterung durch die Schule – wir sollten bei unserem Besuch keine der Klassen auslassen und wurden außerdem mit einer Aufführung des traditionellen Riel-Dance der Khoi-San begrüßt.

An den schuleigenen Anpflanzungen und Gartenprojekten kann sich so manche Schule bei uns im Norden ein Beispiel nehmen, in der einzelne engagierte Lehrer:innen oder Eltern vergeblich versuchen, den Wert selbst angebauter Kräuter, Gemüse und Früchte zu vermitteln. Die Schule betreibt neben der Tierhaltung, einem Gemüse- und Heilkräutergarten auch Aquaponik – für uns verblüffend, da diese alternative Anbauweise in Europa noch ein „nerdiges“ Nischendasein führt und vermeintlich sehr kompliziert in der Umsetzung ist.

Frances wies uns auf ein ausgelagertes Projekt im Zusammenhang mit der Schule und ihren Abgänger:innen hin: eine kleine Textil-Druckwerkstatt, die in der nahegelegenen Stadt betrieben wird. Wir besuchten die Werkstatt und den dazugehörigen Verkaufsraum.

Besuch in Wupperthal (9./10.11.)

Am selben Nachmittag führte uns HaChris Reiseplanung wieder in die Berge, um die Rooibos-Kooperative in Wupperthal zu besuchen (WORC: Wupperthal Original Rooibos Co-operative). Die Anfahrt über viele Kilometer lange Schotterpisten kannten wir bereits von unserem Aufenthalt bei der Heiveld-Kooperative. Wupperthal besteht aus einer in einem fruchtbaren Flusstal gelegenen Ortschaft, weit verstreut im Umland liegenden Dörfchen und viel Land. Wir übernachteten in einer idyllischen kleinen Ansiedlung. Den ersten Blick auf den zentralen Ort, in dem die Kooperative ihren Sitz hat, erhaschten wir am nächsten Morgen von einer hochgelegenen Stelle der Piste: die grüne Siedlung im Tal ist eingerahmt von felsigen, karg bewachsenen Berghängen. Die Siedlung ist eine ehemalige Missionsstation der Rheinischen Mission. Die Region wurde im frühen 19. Jahrhundert als Missionsland proklamiert und nach dem deutschen Wuppertal benannt.

Die Geschichte als Missionsstation prägt die Gemeinschaft von Wupperthal und die Tee-Kooperative bis heute. In einem langen Gespräch und bei einem kurzen Rundgang erfuhren wir – wieder einmal die erste deutsche Besucher:innengruppe seit dem Pandemiebeginn – viel über die starke Solidarität der Bewohner:innen, den tief verwurzelten Glauben und vor allem über aktuelle Probleme. Hier waren es nicht so sehr die Folgen der Pandemie, die uns als Schwierigkeiten geschildert wurden, sondern das Verhalten der Moravian Church, die die ehemalige Missionsstation (Land, Infrastruktur, historische Gebäude) in den 1960er Jahren als „Besitz“ von der Rheinischen Mission übernommen hat. Der Geschäftsführer der Kooperative, Barend, sprach von fehlender Unterstützung durch die kirchliche Verwaltung bis hin zur Blockade bei Vorhaben, die die Bewohner:innen und Mitglieder der Kooperative eigenständig wirtschaftlich und infrastrukturell voranbringen könnten. Keine:r von uns Gästen wusste genug über die besitzrechtliche Situation, um darüber urteilen zu können, doch bestürzte uns die emotionale Schilderung der seit Generationen in Wupperthal lebenden Menschen darüber, dass sie jederzeit befürchten, ihnen könne die Existenzgrundlage entzogen werden. Dabei ist die Arbeit der Kooperative sehr zukunftsweisend: Die Fair-Handels-zertifizierte Kooperative hat die Landwirtschaft erfolgreich auf biologisch-dynamischen Anbau (Demeter) umgestellt, möchte den Tea-Court erweitern und erhofft sich einen Einstieg in den Ökotourismus.

Das Gehörte und Gesehene aus Wupperthal wird uns sicher noch eine Weile besonders beschäftigen.

Fortsetzung folgt …

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